Taz

Lethargie zum Jahrestag - 02 juillet 2007

Die Städtepartnerschaft von Berlin und Paris wird heute 20 Jahre alt. Dass fast niemand richtig feiert, liegtam mangelnden Interesse auf deutscher Seite, meinen Expertinnen. Immerhin gibt's ein zweisprachiges Schülertheater.

Im Gegensatz zu vielen anderen Touristen sind Marine Dartiailh undSarah Flicoteaux nicht zum Potsdamer Platz gekommen, um Eis zu essen oder einzukaufen. Die beiden 13 Jahre alten Pariserinnen wollen sich von dem futuristisch anmutenden Ort inspirieren lassen. Denn die Türme dort ähneln ein wenig den Bautenin Fritz Langs legendärem Stummfilm "Metropolis". Und die jungen Französinnen sind nach Berlin gekommen,um als Mitglieder einer deutsch-französischen Theatergruppe ein in Anlehnung an Lang"Metropole" betiteltes Stück aufzuführen. Der Anlass: das 20-jährige Jubiläum der Städtepartnerschaft von Berlin und Paris, die seit dem 2. Juli 1987 besteht.

Wenn sie heute Abend mit Schülern des Romain-Rolland-Gymnasiums auf der Bühne des ReinickendorferFontane-Hauses stehen, werden die NachwuchsschauspielerInnen die Einzigen sein, die an den Jahrestagerinnern. Die Senatsverwaltung hat für dasJubiläumkeineVeranstaltungorganisiert. Das erstaunt - hatder Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) doch seit Anfang des Jahres das Amt des Bevollmächtigten der Bundesregierung für deutsch-französischeKulturbeziehungen inne. Es sei zeitlich nichts einzurichten gewesen, sagt Senatssprecher Michael Donnermeyer. Im Herbst würden anlässlich des Jubiläums die Designerszenen beider Städte dem jeweiligen Partner vorgestellt. Am 19. September eröffnet im Märkischen Museum die französische Ausstellung "Design Reference Paris".

Der Mangel an Initiativen zum Jahrestag ist für Ulla Brunkhorst ein "allgemeiner Trend" der deutsch-französischen Beziehungen. "Die Städtepartnerschaften haben in denletzten Jahren viel Elan verloren", sagt Brunkhorst, die bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik für den "Deutsch-Französischen Zukunftsdialog"zuständig ist. Die Notwendigkeit der Nachkriegsjahre, aktiv etwas für die Versöhnung zu tun, bestehe nichtmehr. Gerade bei der jungen Generation sei ein nachlassendes Interesse am Partnerland festzustellen. Um dem entgegenzuwirken, hat die Gesellschaft am 22. Juni in Berlin ein erstes Treffen mit je zehn jungen Nachwuchskräften aus Frankreich und Deutschland initiiert, die etwa an der französischen Botschaft, beim Radio oder an der Universität tätig sind.

Heike Hartmann, verantwortlichfür den Bereich Jugendund Partnerschaft beim Deutsch-Französischen Jugendwerk in Berlin, siehtähnlich wie Brunkhorst den fehlenden Generationswechsel in den Partnerschaftskomiteesals Grund für die Lethargie. "In den verantwortlichen Gremien ist eine gewisse Alterung festzustellen", sagtsie. Mit einer Tagung in Paris im Oktober möchte das Deutsch-Französische Jugendwerk Vereine und Stadtverwaltungen beraten, wie sie besser die Jugend in neue Austauschprojekte integrieren können.

Hartmann begrüßt Initiativen wie die der französischen Regisseurin Corinne Kemeny, die mit ihrer zweisprachigenTheaterarbeit eine Partnerschaft zwischen Reinickendorf und Paris-Antony neu belebt hat. Die Pariserin willdamit die Kinder fördern. "Sie verstehen alle Konflikte. In der Auseinandersetzung mit Fritz Langs Film stellendie Jugendlichen selber Verbindungen zu den Problemen der beiden Großstädte her", sagt die Regisseurin. Die Arbeiterszenen assoziierten sie mit den Fernsehbildern der brennenden Autos in den Banlieues, dieSzene der Arbeiterrevolution mit den Unruhen im vergangenen Jahr in Paris.

NADJA DUMOUCHEL

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